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Aktion 21
AKTION 21

Unheilige Allianz zwischen Stift Klosterneuburg und Stadt Wien


Mittwoch, 10. Dezember 2008

Neue Wohnsiedlung bedroht alten Ortskern und schrumpfendes Grünland.

Das Chorherrenstift Klosterneuburg ist Großgrundbesitzer (nicht nur) in Wien-Floridsdorf. Die Sozialdemokratische Partei Österreichs regiert (nicht nur) in diesem Bezirk absolut.

Gemeinsam bilden diese beiden im Fall des Falles eine unheilige Allianz mit durchaus auch feudalherrschaftlichen Zügen, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht.


So möchte das Stift mit seiner Immobilienverwaltung die seit 2003 brach liegenden, zuvor an einen Club verpachtet gewesenen Tennisplätze im alten Ortskern des Bezirksteils Jedlesee endlich gewinnbringend verwerten. Am besten ist dies durch eine Änderung der bestehenden Flächenwidmung von „Erholung und Sport“ zu „Bauland“ möglich. Bezirk und Stadt werden sich schon nicht zu sehr zieren, zumal auch die „rote“ Sozialbau zum Zug kommen wird. Vom geplanten Bau einer neuen Siedlung mit 180 Wohnungen in potentiell bis zu 16m hohen Häusern auf rund 21.000 m2 haben doch schließlich alle etwas.

Bewohnerinnen und Bewohner im betroffenen Grätzl und in dessen Umgebung sehen dies allerdings ganz anders und wehren sich seit April 2008 mit einer Bürgerinitiative gegen diese christlich-sozialistische Zwangsbeglückung. Sie wollen bestehende Flächenwidmungen für Erholungsgebiete und Grünland ebenso wie Ensembleschutz von Kulturerbe respektiert und für künftige Generationen bewahrt sehen.

Denkmalgeschütztes Ensemble in Gefahr

Das umstrittene Areal liegt unmittelbar hinter dem um 1650 errichteten, ebenerdigen und nur 4,5 m hohen Maria Theresien-Schlössl im Herzen des einstigen Dorfes, des nach historischen Erwähnungen ältesten im heutigen 21.Bezirk. Mit dem kleinen Kircherl gleich vis-à-vis und wenigen, noch erhaltenen Einfamilienhäusern bildet es ein denkmalgeschütztes Ensemble und quasi ein Tor zum unmittelbar angrenzenden Wald- und Wiesengürtel. Von diesem wurden seinerzeit schon zugunsten des Tennisclubs Flächen neben und hinter dem Schlössl abgetrennt.

Im Norden reicht das Spekulationsareal an die jüngsten, von den Anrainern gerade noch widerstandslos hingenommenen Neubausiedlungen mit bis zu achtgeschossigen Bauten sowie an daran anschließende, alte Einfamilienhäuser heran. Im Westen grenzt das bedrohte Erholungsgebiet mit den aufgelassenen Tennisplätzen unmittelbar an die Schutzzone des Wald- und Wiesengürtels.

Werbung mit Dorf-Atmosphäre bei deren gleichzeitiger Zerstörung

Nicht erst seit der Gründung der Initiative, sondern bereits seit 2005 kämpfen zwei unserer Mitstreiterinnen für die Bewahrung der ohnedies kaum mehr dörflichen Atmosphäre des Grätzls. Sie selbst wurden zwei Jahre zuvor u.a. mit dem Werbespruch „Wohnen in der Stadt, leben wie im Dorf“ zur Übersiedlung in Neubauwohnungen in Jedlesee motiviert. Gegen die fortschreitende Zerstörung dieses Ambientes versuchten sie sich in zahllosen – handgeschriebenen – Briefen, Telefonaten, Vorsprachen und Gesprächsersuchen bei Beamten und Politikern sowie durch die Teilnahme an Bauverhandlungen zu wehren. Es war fruchtlos.

Leider änderte sich an diesem Umstand auch durch die breitere, personelle Basis in der Initiative und durch die damit möglich gewordene, raschere Kommunikation mittels Nutzung des Internet im Prinzip nicht viel. Eingeschriebene Briefe können ebenso unbeantwortet bleiben oder mit nichtssagenden Floskeln abgefertigt werden wie E-Mails. Allerdings gelang mit der Gründung und der Arbeit der Bürgerinitiative eine deutlich breitere Mobilisierung der Bevölkerung. Innerhalb von zehn Tagen nach der Gründung waren rund 700 Unterschriften gegen die Umwidmung von Grünland in Bauland gesammelt, Anfang August waren es schon mehr als 1.600 Unterzeichner.

Bezirksvorsteher: Das Bauvorhaben ist „auf Schiene“

Die Bemühungen um Unterstützung durch die politischen Parteien zeigten vorerst nur bei den Grünen Erfolg. Diese brachten sogar in der Bezirksvertretung einen Resolutionsantrag mit den Forderungen der Bürgerinitiative ein. Er wurde allerdings zugunsten eines von der SPÖ für die Verbauung initiierten Antrags von SP, FP, VP und BZÖ abgelehnt. Eine tatsächlich zustande gekommene Vorsprache einer Delegation der Initiative bei Bezirksvorsteher Ing. Heinz Lehner verlief zwar sachlich, brachte aber nur die Information, dass das Bauvorhaben „auf Schiene“ sei.

Angebote von Stift und SP, wonach für die Anrainer bei der neuen Siedlung ein kleiner Bereich etwa als Park oder öffentlicher Spielplatz gestaltet werden und sie auch bei der farblichen Gestaltung von Fassaden mitsprechen könnten, waren und sind für die Betroffenen nichts als Pflanz. Ein Park in einer Wiese wird als grotesker Schildbürgerstreich gesehen. Einen weitläufigen Spielplatz gibt es in zehn Meter Entfernung vom Schlössl seit Jahren. Die Einfärbung unerwünschter Mauern ist uninteressant.

Immerhin war es im Frühsommer und Sommer möglich, dass die Bezirks-Chefs von FP und VP sowie den Grünen jeweils zu Besprechungen mit dem Kernteam der Bürgerinitiative kamen. Wieder gab es jedoch volle Unterstützung nur von den Grünen, ansonsten blieb es – abgesehen vom Eingeständnis weitestgehender Machtlosigkeit aller Oppositionsparteien – bei Sondierungen der Positionen.

Materieller Profit geht vor Lebensqualität

Chancenlos blieben nicht zuletzt Ideen und Anregungen aus den Reihen der Initiative für Nutzungsmöglichkeiten des Areals im Sinne der bestehenden Widmung. Vorschläge wie Schaffung eines naturnahen Auwald-Dschungel-Spielplatzes inklusive Fitness-Parcours für Erwachsene bis zu Senioren oder Anlegen von öffentlich für die (gartenlosen) Anrainer nutzbaren, kleinen Anbauflächen für Gemüse und/oder Blumen haben eines gemeinsam: Ihre Umsetzung kostet zwar nicht viel, aber sie bringen für Stift und Stadt im Gegensatz zur massiven Verbauung keinen materiellen Profit. Und für Verluste an Lebensqualität bei der bereits ansässigen wie auch der künftigen Bevölkerung gibt es keine messbaren Standards.

Obwohl oder gerade weil die Bürgerinitiative in diesem Sinn nichts zu gewinnen, sondern nur zu verlieren hat, wird sie ihren Kampf um die Erhaltung von Natur, Kultur und Lebensqualität im Herzen von Alt-Jedlesee nicht aufgeben.

Weitere Entwicklung:

Die offizielle Präsentation des Siegermodells des Architekten-Wettbewerbs mit acht Wohnblöcken zu vier und fünf Geschossen dort, wo heute noch Grünland ist, bedeutete am 22. Oktober 2008 nicht nur für die Mitglieder und Sympathisanten der Bürgerinitiative einen Schock. Auch Politiker zeigten ihre Ablehnung. In der Folge wurde in der Bezirksvertretung am 5. November einstimmig ein Allparteien-Antrag auf Einberufung eines Runden Tisches angenommen. Alle Beteiligten – das Stift, Politiker, Baugesellschaften, Architekten und die Bürgerinitiative – werden dabei die Angelegenheit neuerlich und „mit offenem Ausgang“ diskutieren. Noch ist kein Termin dafür fixiert. Die endgültige Entscheidung über Umwidmung ja oder nein wird voraussichtlich nicht vor dem Herbst 2009 im Wiener Gemeinderat fallen.

Sissy Danninger für die BI Jedlesee im Dezember 2008
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