AKT!ON 21

Bim-Bim-Drüberfahren


Mittwoch, 16. Juni 2010

Tram-Umleitung durchs Rathausviertel?

Der deutschen Fachzeitschrift „Blickpunkt Straßenbahn“ Nr. 1/2010 ist zu entnehmen, dass die Wiener Linien – quasi in Verlängerung der Umleitungs-
strecke über die Reichsratstraße – auch für die Straßenbahnlinien D und 1 einen Bypass hinter dem Rathaus angedacht haben, um den Betrieb bei Veran-
staltungen auf dem Ring aufrecht erhalten zu können. Damit könnte den Bewohnern des Rathausviertels das gleiche Schicksal drohen wie jenen der Reichsratstraße.


Kurioserweise kommen seit 15 Jahren sämtliche angedachten neuen, teilweise sehr sinnvollen Straßenbahnstrecken (mit zusammen knapp über 30 Kilometer Streckenlänge – siehe die Zusammenstellung am Ende dieses Beitrags) – über ein paar Striche auf Stadtkarten und in vagen Machbarkeitsstudien nicht hinaus, bevor sie aufgrund mannigfaltigster Ausreden wieder in den Schubladen diverser Beamten verschwinden, während teure Voll-U-Bahnen mit geringer Netzwirkung ins – auch nach voraussichtlichem Besiedlungsende – schwach frequentierte Stadtrandgebiet gebaut werden, oft anstelle bestehender und gut funktionierender Tram-Strecken.

Bei der 600 bis 800 Meter langen Umleitungsstrecke hinter dem Rathaus wird es hingegen zu keiner Angebotsverbesserung in Folge einer Verkehrsmittelaufwertung von Bus auf Straßenbahn (wie in den diversen angedachten Planungen) kommen, sondern zu einer reinen Umleitung, auf die die Wiener Stadtregierung ganz offensichtlich 44 Jahre lang verzichten konnte, da sie für eine Straßenbahn-Teilstrecke nicht zweimal Betriebskosten zahlen wollte. Damals (1966) wurde die Straßenbahnstrecke entlang der Landesgerichtsstraße und Auerspergstraße, die von den einstigen Linien E2, G2 und H2 bedient wurde, in den heutigen U2-Tunnel verlegt, wodurch die dort fast 100 Jahre lang durchgeführten Umleitungsfahrten der Ringlinien nicht mehr stattfinden konnten. Dabei fuhren in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren noch mehr als doppelt so viele Tramzüge über den Dr.-Karl-Lueger-Ring als heute.

So erfreulich es sein mag, dass nach so langer Zeit eine Umleitungsmöglichkeit hinter dem Rathaus gesucht wird, sollten zuerst die neuen Projekte für einen regulären Trambetrieb umgesetzt werden.

Interessant werden in diesem Zusammenhang die fraglichen Zusagen u. a. aus den Büros der zuständigen Stadträte vom Oktober 2009, wonach sich an der Situation in der Reichsratstraße in nächster Zeit (!?) nichts ändern sollte. Eine Umleitungsstrecke für die Straßenbahnlinien D und 1 hinter dem Rathaus würde aber zwangsläufig auch durch die Reichsratsstraße führen, was einer Verdreifachung (!) der Straßenbahn-Fahrten gleich käme.

Es wäre daher angezeigt, dass den Bewohnern des Rathausviertels rechtzeitig Gelegenheit geboten wird, sich mit derartigen Plänen auseinander zu setzen, bevor vollendete Tatsachen geschaffen werden, wie dies beim Reichsratstraßen-Bypass der Fall war..

Aktion 21 – pro Bürgerbeteiligung fordert alle zuständigen Stellen auf, alle auf das Vorhaben bezüglichen Unterlagen den betroffenen Anwohnern offen zu legen, sich einer öffentlichen Diskussion über Trassenvarianten und Bauausführungen zu stellen und auf die Meinungen der Bürgerinnen und Bürger schon jetzt ehrlich und ergebnisoffen einzugehen.

Die am wahrscheinlichsten erscheinenden Trassenvarianten können der beigefügten Stadtkarte entnommen werden. Variante 1 würde so kurz wie möglich geradlinig durch Anliegerstraßen mit schwachem Kfz-Verkehr ähnlich der Reichsratsstraße führen, während Variante 2 über die einstige Trasse der „Lastenstraße“ führte, wo allerdings auf einem kurzen Stück bei der Josefstädter Straße der Platz für eine Trasse außerhalb der Kfz-Hauptdurchzugsfahrbahnen fehlt. Variante 3 ließe die ohnedies stark benützte Straßenbahntrasse in der Universitätsstraße unberührt; außerdem könnten die regulären Haltestellen am Schottentor weiter verwendet werden.



Interessierte Anrainerinnen und Anrainer sowie Fahrgäste der Straßenbahnlinien D, 1 und 2 sind aufgerufen, die Politiker in die Pflicht zu nehmen und einen Dialog mit ihnen aufzunehmen, statt sie zu verunglimpfen, weil sie sich dagegen wehren, dass ihre Lebensqualität einer Politik des Drüberfahrens im wahrsten Wortsinn zum Opfer fällt.

—ooo—


Liste der seit 15 Jahren geplanten, jedoch nicht gebauten Straßenbahnstrecken in Wien:

Wien Nord – Donaustadt, Floridsdorf und Leopoldstadt, Brigittenau, zusammen: 28,1 km:
Linie 25 (4 verschiedene Projekte):
..........von Kagran nach Donaufeld-West – 2,3 km,
..........ab Wagramer Straße über Donaustadtstraße – 1,2 km,
..........von Aspern nach Eßling und Groß-Enzersdorf – 6,8 km,
..........von Aspern zum ehemaligen Flugfeld Aspern ( „Seestadt Aspern“) – 2,8 km,
Linie 26 ab Wagramer Straße nach Hirschstetten – 3,1 km,
Linie 27 ab Kagraner Platz über Eipeldauer Straße nach Groß-Jedlersdorf – 6,4 km,
Linie 31 von Stammersdorf zum Rendezvousberg – 1,7 km,
Linie O ab Praterstern über den ehem. Güter-Nordbahnhof zur
..........Floridsdorfer Br. – 3,6 km.

Wien Süd – Meidling, Favoriten und Simmering, zusammen: 6,8 km:
Linie 1 (Ast der ehem. Linie 65) von der Knöllg. zum Wienerberg und nach
..........Meidling – 1,8 km,
Linie D ab Arsenalstraße unter dem neuen Hauptbahnhof zur
..........Gudrunstraße – 1,6 km
..........und von der Quellenstraße zum Laaer Berg – 1,3 km,
Linie 6 ab Einfahrt zur Zentralwerkstätte in Simmering nach Schwechat – 2,1 km).


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