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Aktion 21
AKTION 21

Holzfällen – Segen oder Fluch?


Mittwoch, 30. Juli 2008

69 Jahre ist es her, dass Ödön von Horvath in Paris bei einem Sturm von einem Ast erschlagen worden ist. Nicht ganz so lange ist es her, dass sich ein nach unseren Begriffen überzogenes amerikanisches Schadenersatzrecht auch in Europa breit zu machen beginnt. Die Folgen: Schäden, die abgebrochene Äste, an Personen oder Sachen anrichten, sollen abgegolten werden. Um dem zuvorzukommen, sollen nun bruchanfällige Bäume einfach umgeschnitten werden. Und die Nachhaltigkeit – gewährleistet durch die kollektive Intelligenz der Bürgerinnen und Bürger – bleibt wieder einmal auf der Strecke.

Unzulässige Verkürzung


Das Problem ist nicht, wie der Leiter der MA 42, meint, dass Bäume in einer Stadt etwas Unnatürliches seien. Im Mittelalter hätte der gute Mann mit solchen Ansichten noch Verständnis finden können, obwohl selbst in den von Mauern umgebenen und daher verdichteten Siedlungen große, alte Bäume ihren (Markt)platz fanden. Dass mit der flächenmäßigen Ausdehnung der Städte im 19. Jahrhundert das Bedürfnis nach einem besseren Raumklima durch Bäume gestiegen ist, zählt zu den Binsenweisheiten. Und wenn der Leiter der MA 42 sagt, ein Stadtgärtner habe die Aufgabe, in erster Linie die Sicherheit der Stadtbewohner zu gewährleisten und erst in zweiter Linie jene der Bäume, dann stellt sich wohl die Frage, ob sich die Problemlösung darin besteht, die Bäume einfach zu fällen. Das wäre das Gleiche, als forderte man den Abbruch ganzer Viertel, deren Häuser mit Ziegeln gedeckt sind, die bei starkem Sturm nicht selten auf die Straße fallen und Schäden anrichten. Öfter jedenfalls als abgebrochene Äste. Aber das deckt üblicherweise – im Gegensatz zum Baumbruch - die Versicherung.

Des Übels Wurzel

Des Übels Wurzel liegt im wahrsten Wortsinn tiefer. Es gibt in Wien zwar eine gesetzliche Regelung, derzufolge für gefällte Bäume Ersatzpflanzungen vorzunehmen sind. Welcher Art diese ein sollen, ist allerdings nicht genau geregelt. Die Folge: Bäume, die gefällt wurden, weil sie einer Bauführung im Wege stehen, werden sehr oft durch rasch wachsende Bäume mit wenig Breitenentwicklung ersetzt. Zum einen, damit die Leute sehen, dass sie für die weggenommenen Bäume so rasch wie möglich Ersatz bekommen, zum anderen, damit diese Ersatzbäume möglichst wenig Platz beanspruchen, sowohl in horizontaler wie in vertikaler Richtung. Kein Baum ist hiefür besser geeignet als die flachwurzelnde, schlanke und schnell wachsende Pappel. So ist sie zum „Lieblingsbaum“ der Immobilidenentwickler geworden.

Hinter mir die Sintflut

Mögen sie dabei denken. Denn die Pappel ist berüchtigt dafür, dass ihre spröden Äste selbst im jungen und gesunden Zustand zum Windbruch neigen. Nicht die Bäume sind in der Stadt etwas Unnatürliches, sondern die Pappeln. Das sollte der Leiter der MA 42 beim Namen nennen (dürfen). Pappeln sind Aubäume, sie gehören ans Wasser, dort trocknen sie nicht so leicht aus, dort brechen sie auch nicht so leicht. In eine Stadt gehören andere Bäume, biegsame und aerodynamisch günstigere, die zudem den starken Wind eher brechen – zum Wohl der Stadtbewohner. Wenn die MA 42 nicht wissen sollte, welche – die Bürgerinnen und Bürger sind gerne bereit, fachkundig fundierte Auskunft zu geben. Etwa eine Platane – aber halt, die sollte ja einer Garage weichen. Wenn sie kaputt ist, bekommen wir dann einige schlanke Pappeln, nicht wahr? Wo? Auf dem Luegerplatz!

Des Pudels Kern

liegt – wie bei den Dachziegeln – beim Eigentümer, also in vielen Fällen wieder bei der MA 42. Es ist ja nicht so, dass die Gerichte die Stadt Wien für jeden abgebrochenen Ast zum Schadenersatz verdonnern können. So schwach ist unser Schadenersatzrecht nun denn doch nicht. Da muss schon ein Verschulden der MA 42 vorliegen. Mit anderen Worten: wenn die zuständigen Organe (Stadtgärtner) die ihrer Obhut unterstellten Bäume regelmäßig einer sachkundigen Prüfung im Rahmen des Zumutbaren unterzieht, wird ein Baumbruch als „höhere Gewalt“ ohne Ersatzfolgen bleiben. Ohne dass Bäume auf Verdacht „angebohrt“ werden müssen. Freilich: der Zustand der Bäume wird durch Fotos und kurze Protokolle sorgfältig zu dokumentieren sein. Damit die Regelmäßigkeit der Überprüfung und eine allfällige Zustandsveränderung nachgewiesen werden kann. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht. Damit man bei Bäumen, die einer Tiefgarage weichen sollen, im Nachhinein sagen kann , „die waren eh krank“. Böse Unterstellung? So geschehen vor nicht allzu langer Zeit im Bacherpark, wo eine Robinie und drei – erraten – Pappeln „krankheitshalber“ umgelegt wurden.

Das Problem heißt „Glaubwürdigkeit“

Vorfälle wie eben jener vom Bacherpark sind nicht dazu angetan, das Vertrauen in die angekündigte Vorgangsweise der MA 42 zu stärken. Die Ankündigung des „Holzfällen“ im großen Stil sieht eher nach Alibiaktion aus, mit der kam das Kind mit dem Bad ausgießen und das Risiko von Schäden durch Windbruch durch Beseitigung von urbaner Lebensqualität vermindern will. Bäume sind in der Stadt des Neoliberalismus immer im Weg. Um das nicht offen auszusprechen, wird sogar die Gefahr des „herabfallenden Astes“ bemüht. Dabei geht kein vernünftiger Mensch, wenn er die Wahl hat, bei Sturm in den Wald, und auch Spaziergänge in Parks erfolgen auf eigene Gefahr. Wenn sich allerdings Stellplätze in unmittelbarer Nähe von bruchgefährdeten Baumarten befinden, werden sowohl Fahrzeuge wie auch deren Benützer kurzzeitig bedroht sein. Das sind sie allerdings auch bei Hagel oder plötzlichem Hochwasser. Wer vorgibt, solche Gefahren durch Baumfällungen ausschalten zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Es besteht darin, dass der Verdacht aufkommt, die Baumfällungen bekommen nur ein anderes Mäntelchen umgehängt, weil man sie mit dem beabsichtigten Bau von Garagen, Straßen oder sogar Hochbauten nicht so gut verkaufen zu können meint.

Bürgerbeteiligung?

Wer ein reines Gewissen hat, mag doch die betroffene Bevölkerung – das sind vor allem jene Menschen, die in der Umgebung leben, denen die Bäume ans Herz gewachsen sind und die am ehesten vom Baumbruch bedroht wären – um ihre Meinung fragen. Vielleicht gibt es dann eine Einigung auf andere Alternativen als Holzfällen, möglicherweise auf andere Baumarten. Wer diesen Weg scheut, macht sich verdächtig. Verdächtig der üblen Untugend, den Menschen dieser Stadt die wahren Hintergründe zu verschweigen und sie einfach vor vollendete Tatsachen stellen zu wollen. Nur: sie sind misstrauischer geworden und lassen sich nicht mehr alles gefallen. Im konkreten Fall: sie wird jeden – wohlgemerkt: jeden – zu fällenden Baum unter die Lupe nehmen. Und sie wird sinnlose Fällungen wie im Stadion nicht vergessen und einfach zur Tagesordnung übergehen. Das städtische Sündenregister wächst und wächst.

Helmut Hofmann


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